Von der zeitweisen Arroganz des „Netzes“

Hach, war das lustig. Was haben wir* nicht gelacht über diese Steinzeitjournalisten, diese Kellerkinder der schreibenden Zunft, diese Hauptstadtjournalisten. Sind da draußen doch tatsächlich noch Medienmenschen zu finden, die nicht auf Twitter sind! Süffisant wurde die PK mit dem stellvertretenden Regierungssprecher zitiert, „Kopf->Tisch“ in allen Abwandlungen habe ich gefühlt wohl hundertmal gelesen. Und, geht’s uns jetzt besser? Sind wir wieder ein bisschen darin bestätigt worden, dass wir die Tollen sind, die „digitale Elite“? Schön. Dann können wir uns jetzt vielleicht wieder ins Bewusstsein rufen, dass das immer noch gar nicht sooo viele Leute interessiert. Und es könnte sein, dass das auch so bleibt.

Seit fünf Jahren gibt es Twitter nun, seit gefühlt etwas mehr als zwei Jahren bekommt die Plattform verstärkt mediale Aufmerksamkeit auch in Deutschland. Und ganze 460.000 aktive Accounts (nicht zu verwechseln mit aktiven Twitterati, es gibt ja auch Menschen mit mehreren Accounts) in deutscher Sprache haben sich bis heute (bzw. Januar 2011, Quelle Webevangelisten-Zensus) hier versammelt. Es könnten bedeutend mehr sein, sind es aber nicht. Twitter ist für viele auch so schon schwer genug zu verstehen, wenn dann auch noch sehr öffentlich „Outsider“ verlacht werden, dann sinkt dort die Lust, sich damit auseinanderzusetzen. Drei Twitter-Hürden gibt es aus meiner Sicht sowieso schon:

(1) Revolutionen habens schwerer als Evolutionen
Twitter ist fundamental anders als Austauschmedien vorher. Brief -> Fax -> E-Mail ist eher stringent, Evolution, -> Twitter ist Revolution, ist eine ganz neue Art des schriftlichen Austauschs. In „Crossing the Chasm“ beschreibt Geoffrey A. Moore, dass es solche Neuerungen bei den „Majorities“ nicht leicht haben. „Innovators“ (die ganz frühen) und „Early Adopters“ (die gleich danach) suchen revolutionäre Produkte, wollen Verbesserung durch Veränderung. Verbesserung wollen die „Majorities“ auch, aber am liebsten schön kontinuierlich, ohne Brüche. Durch eine sanfte Evolution dessen, was sie kennen. <Ausflug type=“Selbsteinschätzung“> Ich zähle mich eher zur „Early Majority“. Ich will kein Beta. Ich will, dass Dinge funktionieren. Ich will nicht tüfteln, basteln. Ich nutze das iPhone weil Apple die Apps vorher testet. </Ausflug> Revolutionäre Technologien schaffen den Sprung über den Graben „früher Markt“ zu „Massenmarkt“ u. a. dann, wenn es genügend „Erklärer“ gibt. Mirko (@talkabout) hat hier intern zu Beginn viel Überzeugungsarbeit geleistet, und als Twitter dann immer öfter in den General Interest-Medien war, habe ich mich auch „reingearbeitet“.

(2) Nutzen erschließt sich erst mit der Nutzung
Und erst als ich „drin“ war, habe ich wirklich begriffen, um was es hier geht und wie wertvoll das alles ist. Keine Erklärung vorab konnte mir das Potenzial wirklich vermitteln. In den ca. zwei Jahren hier habe ich so viele tolle Leute kennengelernt, so viel mehr für meinen Beruf (Kommunikationsberater) und weit darüber hinaus gelernt. Wenn ich heute versuche, Menschen Twitter zu erklären, spüre ich dieselbe Abneigung und höre dieselben Vorurteile, die ich damals hatte. „Selbstdarsteller“, „irrelevante Nachrichten“ etc, – kennt Ihr ja bestimmt auch.

Solche Kampagnen stützen die Vorurteile auch noch ganz wunderbar .

Erst wenn ich es geschafft habe, jemanden zum Ausprobieren zu überreden, wird auch der Person (in den meisten Fällen) der Nutzen klar.

(3) Einstieg wird schwieriger
Und das Überzeugen wird aus meiner Sicht nicht leichter, weil Twitter immer schwerer zu verstehen ist, für Neueinsteiger. Vor ca. zwei Jahren gab es @-Ansprachen, #-Tags, DMs und nicht viel mehr (vielleicht doch ein bisschen mehr, weiß ich nicht mehr genau). Heute gibt es New Twitter, Listen, Favoriten, Empfehlungen, eine integrierte Suche mit einigen Suchoptionen, eine Million URL-Shortener, die alle anders aussehen, eine Milliarde Tools rund um Twitter etc. – alles Dinge, die Leuten, die schon länger dabei sind, das Leben einfacher machen. Die Neulinge aber überfordern, wenn sie sich Twitter das erste Mal ansehen. Da muss man sich erst mal rantrauen… Außerdem haben in meiner Timeline vor zwei Jahren viele noch selbst Twitter entdeckt und viele Einsteigerinformationen geteilt. So hatte man direkt auf Twitter laufend Hilfe (danke nochmal dafür!). Zumindest in meiner Timeline gibt’s heute keine Anfängertipps mehr.

Das waren drei Gründe, die den Einstieg bei Twitter aus meiner Sicht für so manchen erschweren. Aber müssten Journalisten die Hürden nicht egal sein, müssten sie als Medienprofis nicht unbedingt twittern? Nun, sie haben zweifellos Vorteile, wenn sie es tun. Aber das Mediengeschäft funktioniert auch ohne Twitter, und das sehr gut. Ich kenne keine Agentur, die schon vollständig auf klassische Pressemitteilungen verzichtet und würde das auch keiner raten. Für zu viele Journalisten ist die PM weiterhin eine der wichtigsten Informationsquellen. Ja, viele Journalisten haben einen Account (hier eine bestimmt nicht vollständige Auswahl, Quelle mein Arbeitgeber talkabout), aber hunderte, wenn nicht tausende haben keinen.

Auch die Journalisten der Hauptstadtpressekonferenz sind mit ihren Methoden bisher wunderbar gefahren. Nun merken sie, dass Twitter wohl doch nicht so schnell verschwinden wird und haben sich mal ganz vage informiert. Ja, vielleicht hätten sie erst einmal mit jemandem sprechen sollen, der Twitter versteht. Haben sie aber nicht, sondern demjenigen ihre Fragen gestellt, der relevante Antworten für sie liefern kann („exklusive Infos über Twitter?“). Und das leider öffentlich. Was ich schade finde: Da beschäftigen sich Menschen schon mit Twitter und weil sie Dinge nicht auf Anhieb richtig verstehen, bekommen sie gleich die volle Ladung ab. Meint Ihr, die wollen sich hier noch aktiv beteiligen? Anmelden vielleicht, zuhören, weil sie nun meinen zu müssen. Aber begeistert mitmachen? Eher nicht.

Das finde ich schade, weil ich mir mehr Menschen auf Twitter wünsche. Für mich wird Twitter durch mehr Menschen wertvoller. Es gibt da draußen noch so viele, die spannende Infos teilen, wertvoll zu Diskussionen beitragen, sympathische Tweets schreiben könnten. Unter 1.000 Neuen ist bestimmt der ein oder andere dabei, dem ich wahnsinnig gerne folgen würde. Lasst uns neue Leute reinholen, nicht abschrecken. Da haben wir alle etwas davon – oder umgekehrt: was uns aktuell an Wissen, Intelligenz, Engagement entgeht ist doch erschreckend. Dafür dürfen aber auch die, die schon die vollen fünf Jahre dabei sind, nicht betriebsblind werden. Die sehr große Mehrheit der Bevölkerung hat, wenn überhaupt, nur eine sehr vage Vorstellung von „diesem Twitter“. Das lässt sich immer noch ändern. Aber nicht mit öffentlichem Spott über „Outsider“.

* Warum ich immer „wir“ und „uns“ schreibe, obwohl wir beide gar nicht mitgemacht haben? Weil „die da draußen“ leider nicht so differenzieren, wie wir das vielleicht gerne hätten. Das „Netz spottet über Hauptstadtjournalisten“. Also ganz Twitter, aus deren Sicht. Da leidet das Image aller…

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3 Antworten zu “Von der zeitweisen Arroganz des „Netzes“

  1. Ja, ich kann dir in vielen Punkten zustimmen. Manchmal ist „das Netz“ (bewusst verallgemeinernd gesprochen) ein ganz grausiger Ort, von dem man sich einfach nur abwenden möchte, weil man sich denkt „Was soll das denn? Muss das sein? Nee, mit diesen Leuten möchte ich lieber nichts zu tun haben.“. Allerdings muss man einfach festhalten: Das Netz ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Und seine Gesellschaft kann man sich auch nur sehr bedingt aussuchen und versuchen etwas daran zu ändern …

    So, wie es die Spottenden gibt, die es immer besser wissen – ganz gleich, auf welchem Gebiet – und in den öffentlichen Diskussionen vom Nahost-Experten zum Atomkraft-Kenner und wenige Tage später zum Politik-Weisen werden, so gibt es auch jene, die andere an die Hand nehmen wollen, um ihnen zu zeigen, dass es „da draußen“ gar nicht so schlimm ist.

    Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist Skeptiker in Sachen Social Media (und damit meine ich von Twitter über Facebook und XING bis hin zu Blogs und allem, was es sonst noch so gibt) aufzuzeigen, wie toll es auf der anderen Seite sein kann, wenn man sich erst einmal traut über den Graben zu springen. Womit wir wieder bei Moore wären.

    Es braucht ganz einfach Enabler, die neue Dinge in der ersten Welle für sich entdecken, um diese dann, sobald sie aus dem Beta-Status herausgewachsen und stabil genug für die Neulinge sind, anderen vorstellen. Innerhalb meines Studiums hatte ich genau diese Rolle inne. Als Tutor meines Studiengangs habe ich meine Kommilitonen an neue Techniken herangeführt, weil sie selbst nicht sahen, welchen Sinn und Nutzen diese haben können. In diesem besonderen Fall war es eben Twitter.

    Ich war in der Folge mehr als glücklich, einen Großteil meiner Mitstudenten zum Twittern gebracht zu haben (einige haben jetzt wieder angefangen, da sie den beruflichen Nutzen für sich erkannt haben). Allerdings fand ich den Hintergrund bedenklich, dass es sich um angehende Online-Journalisten gehandelt hat, die nicht mit ihrem Handwerkszeug in spe arbeiten oder sich damit auseinandersetzen wollten.

    Ich bin voll und ganz bei dir, wenn du sagst, dass man nicht sofort jedes Tool intensiv 24/7 nutzen muss, um immer ganz vorne mit dabei zu sein. Aber unser Professor sagte auch ganz deutlich „Sie verlassen dieses Studium mit dem Titel ONLINE auf ihrem Diplom. Also sollten sie zumindest wissen, was im Netz vor sich geht und alles zumindest einmal ausprobiert haben“. Ein Ansatz, den ich nach wie vor 100%ig unterstütze.

    Und genau deshalb stelle ich an jene Journalisten (wie an Medien- und Nachrichtenschaffende überhaupt), deren täglich Brot die Beschaffung, Auswertung und Aufbereitung von Informationen darstellt, doch die Erwartung, dass sie sich mit der ein oder anderen Entwicklung auseinandersetzen, die ganz klar und ersichtlich rund um den Globus die Informationskultur verändert. Und gerade diese Medienmenschen sollten wissen, dass sie keine fünf Jahre warten können, ehe sie sich mit neuen Ansätzen und Techniken auseinandersetzen, da sich unsere (Informations-)Welt einfach rasend schnell verändert.

    Muss man darüber spotten, wie es bei einigen vielen passiert ist? Nein, sicherlich nicht. Aber wie gesagt, so ist das Netz. So ist unsere Gesellschaft. So sind wir Menschen an sich. Wenn wir Schadenfreude witterten, sind wir ganz schnell bei der Sache.

    Muss man aber das Interesse nach Neuem, die Neugier, die ein Journalist durchaus mitbringen sollte, hinterfragen? In diesem Fall: ja, ich denke schon.

    Man muss nicht verallgemeinernd auf die „Hauptstadtjournalisten“ eindreschen, da es vielerorts Medienmenschen gibt, die nicht auf dem Stand der Exoten, die wir „Digital Residents“, Social-Media-Junkies oder wie immer man uns Early Adopter und Innovator nennen mag sind, aber man darf sich dennoch fragen, warum das in dieser eigentlich „führenden Gruppe“ so ist.

  2. Vielen Dank für Deine Meinung!

    Bei einer Sache bin ich mir nicht sicher: Ist das Netz wirklich schon ein Spiegel unserer Gesellschaft? Ich denke, gerade für Twitter gilt das noch nicht. Hier haben sich hauptsächlich viele intelligente, schnelle, technikaffine Menschen versammelt – ich nenne die oben im Beitrag „Innovatoren“ oder „Early Adopter“. Für die sind die Möglichkeiten des Web 2.0 inzwischen so vertraut, dass sie Menschen nicht mehr verstehen (wollen), die sich noch nicht damit beschäftigt haben. Vielleicht ist so manchem auch die Geduld verloren gegangen – wenn man seit 5 Jahren auf Twitter ist und seit 5 Jahren versucht, Menschen den Nutzen nahe zu bringen, kann das schon frustrierend sein, wenn gut gemeinte Unterstützung nicht angenommen wird. Wenn aber die Geduld verliert, bleibt man unter sich. Ja, es braucht Enabler. Enabler mit viel Geduld.

    Ich stimme Dir auch zu, dass sich Medienprofis, Kommunikationsprofis, Informationsarbeiter dringend mit den „neuen“ Möglichkeiten auseinandersetzen sollten. Da steckt so viel Nutzen für sie drin und die Informationslandschaft verlagert sich ja definitiv. Aber sie verlagert sich langsam, langsamer als vielleicht manche von den „schnellen Menschen“ meinen. Twitter gibt’s seit 5 Jahren, mehr Medienpräsenz gibt’s seit über zwei Jahren. Zwei Jahre… ist nicht so viel für einen, der 30 Jahre im Geschäft ist. Wahrscheinlich war es für die Hauptstadtjournalisten einfach noch nicht wichtig genug, sich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen. Anscheinend konnten sie ihre Funktion bislang ohne Probleme auf die klassische Art und Weise erfüllen. Dann kam ein Tweet und sie hatten die PM dazu noch nicht auf dem Tisch – und schon war die Neugier da. Die ist mir bei Journalisten ebenfalls sehr wichtig, aber v.a. in Bezug auf ihr Thema. Was gut fürs Social Web ist, denn immer weniger Themen kann man umfassend abdecken, wenn man ignoriert, was „im Netz“ passiert.

    An diese Stelle passt glaube ich ganz gut ein ganz großes Dankeschön an Dich! Du bist definitiv einer der fortwährenden Erklärer und wer Dir folgt, kann unheimlich viel lernen.

  3. Pingback: Schluss mit dem Westergewelle | f.eine.meinung

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