SpiegelBild*

Gratulation, Nikolaus Blome. Geschafft. Der griechische „Albtraum“, der „geisterfahrende Wutgrieche“, „schrill“ und „unerfahren“, zierte diese Woche nun auch das Spiegel-Cover. Die ausdauernde Hetze gegen ein ganzes Volk war bisher Mission der Bild-Zeitung. Blome zeichnete dort maßgeblich für die Anti-Griechen-Kampagne verantwortlich. Dann holte ihn Büchner zum Spiegel – und Blome durfte sich munter am selben Thema abarbeiten. Der aktuelle Titel ist sein größter Erfolg bisher, eine Fortsetzung der Hetzkampagne unter dem Deckmäntelchen des Journalismus.

SpiegelBild

 

Wie muss das so manchem der „Schmuddelkinder“ in den Bild-Schreibstuben doch wehtun… Die „richtigen“ Journalisten nehmen einen einfach nicht ernst… Was für eine Genugtuung muss es da für Bild-Chef Diekmann gewesen sein, als ausgerechnet Der Spiegel seine Nummer 2 in die Redaktion berief. Es war der Ritterschlag, bei der Bild gab es also doch Journalisten auf Spiegel-Niveau. Von wegen.

Hetze auf ein ganzes Volk

Blome ist selbst für Bild-Maßstäbe unterste Schublade. Er verantwortete die Hetzkampagne gegen Griechenland mit und verteidigte diese auf hanebüchene Art und Weise, als der Zeitung von der „Europa-Union Deutschland“ dafür die „Europa-Diestel“ verliehen wurde. Sie bringe die europäischen Bürger gegeneinander auf, so die noch harmlos formulierte Begründung. Teile der Kampagne sowie Blomes Verteidigung derselben sind hier bei Stefan Niggemeier nachzulesen.

„Rudolf Augstein hätte diese Personalie niemals durchgehen lassen“

Spiegel-Redakteure waren in großer Anzahl entsetzt. Kein Wunder… Die Anti-Griechenland-Kampagne war nicht Blomes einzige Verhaltensauffälligkeit. Den NSA-Skandal fand er auch nicht so schlimm, dem Betrüger-Doktor Guttenberg stärkte er öffentlich den Rücken (der wiederum hatte Blomes Buch vorgestellt). „Herr Blome steht für all das, wogegen der Spiegel seit seinem Bestehen eingetreten ist“, so die Miteigentümerin des Spiegel, Franziska Augstein. Hätte sie sich mal durchgesetzt.

Gelernt ist gelernt

Schwarz oder weiß, gut oder böse, pauschalisierend, polemisierend, Kampagnen statt Journalismus. Der Bild-Stil hat Blome geprägt. Er kann gar nicht anders, als beim Spiegel so weiterzumachen. Ja, die Texte sind länger… aber ausgewogen? Er mag es versuchen, doch das zuspitzen kann er nicht lassen. Texte kommen mir auch hier schwarz/weiß vor und manchmal vergisst er aus meiner Sicht wichtige Aspekte in seinen Beiträgen (oft geht es vor allem einfach ums Geld). Mit Russland sind wir im „Kalten Krieg“, die störrischen Briten nerven auch schön langsam in der EU und natürlich geht die Kampagne gegen Griechenland weiter (auch schon vor dem aktuellen Titel, schaut in der SPON-Suche nach).

Das Sticheln geht weiter

Ich gebe zu, es fällt mir nicht leicht, in Blome-Artikeln echte Fehler zu entdecken (dazu bin ich zu einigen Themen vielleicht zu uninformiert, vielleicht sind auch keine drin – wobei Journalist Robert Misik das gelinde gesagt so nicht unterschreiben würde…) und auch eine offene Völkerhatz ist beim Spiegel natürlich nicht möglich. Abgeschwächt geht aber noch was:

„Nun, da alle mit einer Währung zahlen, wird überall geklagt. Die Deutschen fühlen sich genötigt, die verschwenderischen Hallodris in Griechenland durchzufüttern, die Griechen fühlen sich als Kolonie des merkelschen Sparimperiums. Jeder hat sich daran gewöhnt, den anderen als Karikatur zu zeichnen.“ (S. 20 im aktuellen Heft)

Haha, Herr Blome. Von Wegen „Die Deutschen“. Sie haben die Stammtische dazu gebracht, das so zu sehen. Auch wenn Sie das gleich wieder als „Karikatur“ relativieren – haben Sie gekichert, als Sie die Pleite- bzw. Hallodri-Griechen nun auch im Spiegel stehen sahen?

„Schon sprechen Politiker der Union offen über ein Ausscheiden der Griechen aus der Eurozone: ‚Die Auswirkungen eines Austritts des Landes sind für den Euro wahrscheinlich weniger problematisch als eine Aufweichung der Kriterien für alle‘, sagt Bayerns Finanzminister Markus Söder“ (S.22)

Söder als seriösen Politiker zu zitieren (hier ein Portrait des ehrenwerten Mannes im SZ-Magazin) hat schon was, um die eigene These zu stützen („Griechen raus, alles gut“ – natürlich so nicht im Artikel, aber von der hat sich Blome ja seit Bild-Zeiten nicht distanziert). Schön auf jeden Fall, die nochmal untergebracht zu haben – wie immer in Blome-Artiklen ohne sich Gedanken über die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Folgen eines Euro-Rauswurfs für die griechische Bevölkerung zu machen (hier ein paar Gedanken dazu).

Misstrauen ist immer da

Die genannten sind zwei Stellen, die mir aufgefallen sind, die ich aber nicht für dramatisch halte. Festnageln kann ich Pudding-Blome nicht auf erneute Hetze. Das ist aber letztendlich völlig egal, denn: Der Sender ist immer mindestens genauso wichtig wie die Botschaft. Selbst wenn ein Blome-Text inhaltlich OK sein mag, dann ist er trotzdem falsch, weil Blome ihn schrieb.

Ich traue Blome-Artikeln nicht. Ich habe einigen Leitartikeln nicht getraut, als die noch ohne Autorenangabe erschienen sind, weil ich dachte, die könnten von Blome sein. Wer eine Hetzkampagne dieses Ausmaßes gefahren und sich nie davon distanziert hat, verdient keine differenzierte Auseinandersetzung mit seinen Beiträgen, verdient kein Vertrauen.

Aufstand der Anständigen

Wo bleibt der nur? Was ist mit Brinkbäumer und Harms? Was mit Thomas Hass, dem Nachfolger von Saffe? Traut sich keiner, Blome zurückzuschicken? Ich bin froh, dass mittlerweile erste Gerüchte auftauchen – oder ist das bei Ihnen auch nur Wunschdenken, Bülend Ürük, woher stammen die? Kann ich meinem Spiegel bald wieder trauen? Können wir bald Órban auf dem Titel bewundern, der zentrale Werte wie die Pressefreiheit einfach abschafft – und nicht Griechenland, wo es vor allem ums Geld geht? Der Spiegel war immer ein Leitmedium. Er kann Themen setzen kann. Ich wäre sehr froh, wenn sich die Gesellschaft statt mit Geld mal wieder intensiv mit Werten beschäftigen würde…

Wann siegt die Scham?

Ich liebe den Spiegel, habe ihn seit etwa 20 Jahren abonniert. Ich werde auch nicht kündigen wegen Blome. Zu viele gute, wichtige Geschichten, zu viele wunderbare Redakteure. Auf die setze ich, wenn schon die Chefs nicht handeln. Denn muss es nicht unglaublich an der Journalistenehre nagen, seinen eigenen Namen neben den von Blome setzen zu müssen? Manfred Ertel, Julia Amalia Heyer, Honrad Knaup, Walter Mayr, Peter Müller, René Pfister, Christian Reiermann, Mathieu von Rohr, Helene Zuber, wie fühlt sich das an?

Schämt Euch endlich, distanziert Euch, sorgt für einen Neuanfang. Blomes Höhepunkt muss auch sein Schlusspunkt sein.

* Die kleine Diffamierung will ich mit Blick auf den Leitartikel von Dirk Kurbjuweit im selben Heft wieder abschwächen. Er bringt naheliegende Argumente, auf die Blome nicht kommt. Zum Beispiel, dass sich die EU in der Welt lächerlich machen würde, sollte man Griechenland im Euro-Streit wirklich ausscheiden lassen.

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