Schluss mit dem Westergewelle

In der Wirtschaftswoche #28 vom 9.7. wirft der stellvertretende Chefredakteur und Hauptstadtjournalist Henning Krumrey Regierungssprecher Seibert Sprachlosigkeit vor und trauert den Spin-Doktoren von damals hinterher. Er offenbart ein antiquiertes Verständnis von Kommunikation. Hier die Online-Fassung des WiWo-Artikels.

Dinosaur

Kommunikations-Dinos ab ins Museum (CC-Lizenz, Quelle: Flickr, Ian Southwell)

„Heute kein Journal“, so die Überschrift des Artikels im Heft, der @RegSprecher hat nichts zu sagen. Konkret sagte er Krumrey zu wenig zum vergangenen EU-Gipfel und als er es tat, kam es zu spät. Bekanntlich sei Merkel ja dort nach einer „Erpressung durch das Schuldner-Trio eingeknickt“. Wo war Seibert da? Wo waren die Erklärungen der Bundesregierung?

Schneller = besser?
Was dem Redakteur einerseits fehlte war eine umfassende Erklärung der Regierung zum Vorgang. Damit hat er Recht. Die erwarte ich aber zu solch komplexen und sensiblen Themen nicht am selben Abend oder über Nacht, wie Krumrey verlangt, – ebenso wenig wie ich von der Wirtschaftswoche einen perfekt recherchierten Artikel innerhalb weniger Stunden erwarte. Ja, die Interpretationshoheit (wenn es so etwas überhaupt gibt) gibt Seibert aus der Hand, wenn er nicht sofort liefert. Aber lieber gut erklärt mit Bedenkzeit als schnell und möglicherweise falsch. Lieber eine Schlagzeile hergeschenkt als Vertrauen verloren.

Seibert selbst bestätigt diese Einstellung in einem Interview in der FAZ (gefunden via @punktefrau), ebenfalls vom 9.7.: „Also versuche ich, mich gut vorzubereiten, weil ich ihnen [den Journalisten] das auch schuldig bin“ und „In der Regel wird das, was ich sage, interpretiert als die Haltung der Bundeskanzlerin. Deswegen muss ich mir sehr gut überlegen, was ich sage […]. […] wir haben einige Verantwortung, ein einzelner Satz kann Märkte bewegen und internationale Reaktionen hervorrufen.“ Erst nachdenken, dann reden, diese Tugend ist bei Sprechern leider nicht immer vorhanden.

Social Media besiegt Spin-Doktoren
Nur wegen des Punktes oben hätte ich diesen Post nicht geschrieben. Was mich vor allem erstaunt hat war die Erwartungshaltung Krumreys gegenüber Kommunikatoren. Gleich zu Beginn wundert er sich, dass nach dem EU-Gipfel „nicht mal Eigenlob auf Draht“ ging. Später, nachdem er Seibert streckenweise als naiven Hans-Guck-in-die-Luft beschrieben hat, lobt er dessen Vorgänger Ulrich Wilhelm, der sich wenigstens „bemühte“, den „weitergegebenen Informationen jenen Dreh zu geben, der aus der Tatsache einen Erfolg für die Regierung machen sollte“. Gleichzeitig klingt auch Bedauern durch, dass  Seibert kein solcher „Spin Doctor“ sei. Will Krumrey damit sagen, dass Seibert nicht professionell arbeitet, weil er kein guter Meinungsmanipulator ist? Ich habe das so verstanden.

Und bin guter Hoffnung, dass Seibert trotzdem nicht das Niveau seiner Vorgänger anstrebt. Denn wer bitteschön glaubt denn die ewigen Erfolgsmeldungen zu allen Projekten, die täglichen Unfehlbarkeitsbehauptungen, dieses ständige Westergewelle? Social Media macht erstmals wunderbar transparent, was die Menschen vom Wahlverlierer halten, der laut Interview ja gar nicht verloren, sondern viel mehr gewonnen, ja überzeugt hat! Gegen das Social Web hilft kein noch so guter Spin mehr. (Ich weiß, das ist in vielen Fällen leider noch Wunschdenken von mir, aber besser wird’s schon.)

Neue Auffassung von Kommunikation
Das Social Web zwingt zu mehr Ehrlichkeit, zu mehr Transparenz, platzt Luftblasen. Das Social Web erdet politische Kommunikatoren wie Seibert, bietet ihm unmittelbar ehrliches Feedback. Krumrey, selbst nicht bei Twitter zu finden, versteht das noch nicht, begreift das Social Web scheinbar immer noch als Spielzeug (obwohl sein Chef dort ja sehr umtriebig ist): „Über Twitter, dessen Einsatz Seibert als Ausweis von Modernität preist…“, so beginnt ein Kommentar.

Nein, Herr Krumrey, Seibert nutzt Twitter nicht, weil man das jetzt so hat. Seibert nutzt das, weil es ihm sehr viel Nutzen stiftet. Twitter erklärt, warum Seibert kommuniziert wie er kommuniziert. Twitter ist schuld, dass das Westergewelle verstummt. Seien Sie herzlich eingeladen und machen Sie mit, Herr Krumrey – es ist nicht schwer. Außerdem bin ich ja sowieso auf Ihrer Seite, drum helfe ich auch gerne bei den ersten Schritten 😉

So, @RegSprecher, nun könnten Sie diesem Text beispielsweise mit einem „das mit dem #Meldegesetz haben wir so richtig versemmelt“-Tweet noch den nötigen Nachdruck verleihen. Gegen den Spin. Im Sinne einer neuen, ehrlicheren Kommunikation.

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